Reisen bildet – auch in der Ausbildung Bei der Honda Motor Europe (North) GmbH setzt man auf Selbstständigkeit und Eigeninitiative

Wie viele Autos fahren in Rom in den Straßen? Was ist anders als in Deutschland? Und warum gibt es dort so viele kleine Autos? Es gehört zur Ausbildung bei der Honda Motor Europe (North) GmbH in Offenbach, über den eigenen Tellerrand zu blicken. Und so steht alle zwei Jahre für die Auszubildenden eine gemeinsame Reise zu einem europäischen Honda-Standort an. 2006 war dies Rom. Reisen bildet eben (auch aus).

Für Aileen Mayer, Auszubildende im ersten Lehrjahr zur IT-Kauffrau, und die 13 anderen Azubis, meist angehende Groß- und Außenhandelskaufleute, hieß das zunächst, die Reise selbstständig vorzubereiten, sich um Anreise und Unterkunft selbst zu kümmern und z.B. kleine Referate zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erarbeiten. In Rom angekommen, lernten sie dann in der Honda-Fabrik, wie Motoren hergestellt werden, besuchten vier Honda-Händler und interviewten sie, zählten Autos in den Straßen, registrierten Besonderheiten und gingen den Gründen dafür auf den Grund. Obwohl sie vor und während der Reise so viel zu erledigen haben, ist das Programm bei den Azubis sehr beliebt – vielleicht sogar gerade deshalb. „Ich fand die Azubi-Fahrt klasse“, begeistert sich Aileen Mayer.

Händler-Praktikum

Die Eigenständigkeit der Azubis steht bei Honda an erster Stelle. „Bei uns“, so Jörg Wittig, Leiter Personal und Verwaltung, „wird ‚learning’ vor allem durch ‚doing’ praktiziert.“ Dazu gehören die Azubi-Reise und ein Vier-Wochen-Praktikum bei einem Honda-Händler. Die Azubis arbeiten dort mit und kommen in Kontakt mit den Autokäufern. „Das ist für uns sehr wichtig. In Japan existiert ein viel ausgeprägteres Verständnis von Kundenorientierung als in Europa und das wirkt sich an jedem Honda Standort aus. Deshalb arbeiten wir an diesem Thema auch sehr intensiv mit unseren neuen Mitarbeitenden und Auszubildenden.“

Auszubildende bei Honda Motor Europe (North) GmbH in Offenbach

Lange Tradition im Ausbilden

In Offenbach gibt es eine lange Tradition in der Schulung des Unternehmensnachwuchses. Seit Mitte der 70er Jahre bildet das japanische Unternehmen im technischen und kaufmännischen Bereich aus. Jedes Jahr werden fünf Azubis für den Beruf der Groß- und Außenhandelskaufleute neu aufgenommen sowie alle zwei bis drei Jahre je ein oder eine Azubi als IT-Kaufmann oder - kauffrau, KFZ-Mechatroniker und Landmaschinenmechaniker.

Um Azubi bei Honda zu werden, muss man ein dreistufiges Verfahren durchlaufen: Einen Wissenstest, eine große Diskussionsrunde, bei der geprüft wird, wie man sich in einer Gruppe verhält und wie man argumentiert, und zum Abschluss ein Einzel-Interview. Hier geht es darum, warum man sich gerade bei Honda bewirbt, und um persönliche Themen. Vor allem aber wird hier überprüft, wie viel Eigeninitiative die Person bisher in ihrem Leben bewiesen hat. Aus rund 200 Bewerbungen werden so pro Jahr sechs neue Azubis ausgewählt.

Patenschaft für die „Neuen“

In der Regel werden die „Neuen“ ein Jahr vor Ausbildungsbeginn ausgewählt. Bis zum eigentlichen Start der Ausbildung erhalten sie regelmäßig einen Info-Newsletter und werden zu Messen und Firmenfeiern eingeladen, um sie auf das Unternehmen einzustimmen. Und die künftigen Auszubildenden treffen sich mit derzeitigen Azubis, die ihre Nachfolger in die Unternehmenskultur und –philosophie einweisen. Auch später stehen die älteren Jahrgänge mit ihren Erfahrungen den Jüngeren als Paten zur Seite. Aileen Mayer genießt es, gerade bei Honda Azubi zu sein: „Hier spürt man überall eine Freude am Unternehmen. Ich finde es gut, dass es eine eigene Firmenphilosophie gibt, die noch dazu von großem gegenseitigem Respekt getragen ist. Wir Azubis können ohne Angst auch mit Managern reden, jeder kann sich einbringen und seine Ideen dann sogar verwirklichen.“

Azubi-Treff

Durchschnittlich 15 Auszubildende pro Jahr betreut Ausbildungsleiterin Christina Pitz-Lindner. „Im Azubi-Treff besprechen wir alle zwei Wochen, was in der Schule ansteht, ob es Probleme gibt oder wir üben z.B. Moderationstechniken.“ Dazu machen die Azubis selbst eine Agenda. Bei schulischen Problemen übernimmt sie das Fach oder holt Fachleute aus dem Unternehmen dazu. Zur Prüfungsvorbereitung werden die Azubis vier Wochen vor der Abschlussprüfung freigestellt. Das Ergebnis: Die Azubis erzielen gute bis sehr gute Leistungen.

Eigenständigkeit

Für die Azubis stehen bei Honda alle Türen offen. „Das vermitteln wir von Anfang an, so Pitz-Lindner, jeder von uns ist jederzeit ansprechbar, natürlich mit gewissen Anstandsregeln. Aber ich renne nicht hinterher und frage nach den Leistungen oder Problemen. Ich erwarte, dass sie damit zu mir kommen oder es im Azubi-Treff selbstständig einbringen.“ Zur Ausbildung gehören selbstverständlich auch Zielvereinbarungsgespräche in den jeweiligen Abteilungen. Was will ich lernen? Und dann der Check: Was davon ist erreicht, was fehlt, wo liegen Hindernisse? Zum Abschluss gibt es dann noch ein Feedback mit Noten: Wie steht der Azubi, was muss er noch lernen? Damit nicht nur die Azubis eine Rückmeldung bekommen, sondern auch die Ausbilder und Ausbilderinnen, ist für die Zukunft ein 360-Grad-Feedback in der Diskussion.

Interner TQM-Wettbewerb

Zur ausbildungsbegleitenden internen Schulung gehören neben EDV- und Englischkursen sogar Grundlagen des Total Quality Managements (TQM). Um die gelernten Qualitätsinstrumente gleich praktisch anwenden zu können, gestalten die Azubis einen eigenen Qualitätszirkel. Hier setzen sich sechs Azubis aus unterschiedlichen Ausbildungsgängen zusammen, bearbeiten ein Problem und entwickeln dazu selbstständig eine Lösung. Was ist das Problem? Wie geht man es an? Wie strukturiert man es und wie findet man eine Lösung? Zurzeit arbeitet ein Nachwuchszirkel daran, wie die Einführung neuer Azubis ins Unternehmen verbessert werden kann. Ein zweiter macht sich Gedanken dazu, wie das Unternehmen ungenutzte Flächen zur Werbung nutzen und sich kostengünstig präsentieren kann.

Sechs Monate haben die Azubis Zeit für die Lösung. Dann müssen sie das Ergebnis vor der gesamten Belegschaft im Unternehmen in Englisch präsentieren – als Vorbereitung für eine deutschlandweite Präsentation im Wettbewerb mit anderen Qualitätszirkeln. Gewinnt ihr Zirkel, geht es weiter zur Präsentation der europäischen Sektionen. Die neun besten Zirkel aus Europa fahren dann zu einem Welttreffen.

Zugehörigkeitsgefühl

Bei Honda sind die Anforderungen an die Azubis hoch. Wer hier aufgenommen wird, muss sich anstrengen. Doch Ausbildungsleiterin Pitz-Lindner weiß: „Leute, die sich hier bewerben, sind nicht einfach nur auf irgendeinen Platz aus, sondern wollen speziell in unser Unternehmen. Das Zugehörigkeitsgefühl ist bei uns sehr ausgeprägt.“ Auch Andreas Mauritz, im zweiten Jahr seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, ist schon ganz und gar identifiziert mit Honda: „Ich begreife es als enorme Chance, hier meine Ausbildung machen zu dürfen.

„Wer bei uns nicht selber durch eine offene Tür geht, wird nicht hereingebeten oder hineingeschubst. Eigeninitiative ist bei Honda sehr ausgeprägt.“

Natürlich sind die ganzen Anforderungen hier eine Herausforderung, aber so sollte Ausbildung ja auch sein und nicht, dass man seine Zeit absitzt ohne Perspektive. Honda bietet enorme Entwicklungsmöglichkeiten, und man kann sich dabei voll einbringen. Ich will auf jeden Fall bei dem Unternehmen bleiben und deutschlandweit oder sogar europaweit tätig sein.“

Er hat gute Chancen, dass es auch so kommt. Denn 50 Prozent der unter 30-jährigen am Standort Offenbach kommen aus der eigenen Ausbildung. In der Regel werden die Azubis übernommen, gerade im kaufmännischen Bereich. Und wenn nicht gleich eine Stelle frei ist, gibt es ein Springerjahr, in dem die Azubis flexibel eingesetzt werden. Allerdings, schränkt Personal- und Verwaltungsleiter Jörg Wittig ein, „müssen wir 100-prozentig sicher sein, dass die Person auch zu unserem Unternehmen passt. Dazu holen wir die Meinung der Abteilungen ein: Zum persönlichen Verhalten, zur sozialen Kompetenz, der Kundenorientierung und vor allem zur Eigeninitiative. Denn wer bei uns nicht selber durch eine offene Tür geht, wird nicht hereingebeten oder hineingeschubst. Eigeninitiative ist bei Honda sehr ausgeprägt.“

Ausbildungsleiterin Pitz-Lindner hat für ihre Schützlinge ein klares Ziel: „Kein Azubi soll es je bereuen, die berufliche Karriere bei Honda begonnen zu haben. Während der Ausbildung sollen sie das fachliche, aber vor allem das persönliche Rüstzeug erhalten, sich später behaupten zu können, eigeninitiativ Chancen zu erarbeiten und diese dann auch zu nutzen.“

Das japanische Unternehmen Honda in Deutschland

Honda gehört zu den größten Herstellern von Automobilen, Motorrädern und Motorgeräten mit einem Umsatz über 64 Milliarden Euro, 138.000 Mitarbeitern und einem weltweiten Netz von Produktions- und Vertriebsgesellschaften. Seit 1961 ist Honda auch in Deutschland vertreten. Seit 1968 hat die Honda Motor Europe (North) GmbH ihren Sitz in Offenbach. Sie ist verantwortlich für die Marketing- und Vertriebsaktivitäten sowie die technische Betreuung in Deutschland, Belgien, Österreich und den Niederlanden.

Betriebsportrait - Juli 2006