Ausbilden als Dank Claudio Zelaya wärmt mit dem Latino-Treff in Darmstadt nicht nur seinen Landsleuten das Herz
Wer in die Sonne will, muss erst einmal in den Keller. Paradox? Nein, für die Kundschaft, die in das Guantanamera hinuntersteigt, um Tango zu tanzen oder "spare ribs all you can eat" zu genießen, kubanischen Rum und mexikanische Empanadas zu essen, ist das kein Widerspruch. Denn hier unten geht für sie die Sonne auf: Die Sonne Lateinamerikas mit seiner Sprache, seiner Musik, seiner Kultur.
Befeuert wird dieses Lokal, das es seit 1998 in Darmstadt gibt und das 2006 zum besten internationalen Restaurant der Rhein/Main-Region gewählt wurde, von Claudio Zelaya und seiner Küchenchefin Patricia Sanchez. Guantanamera ist mehr als nur ein Esslokal, auch wenn man sich hier durch ganz Lateinamerika essen kann. Es ist auch mehr als ein Tanzlokal, auch wenn man hier montags Tango tanzt. Und es ist mehr als eine Kneipe. Es ist eine Institution.
Früh zuständig fürs Feste feiern

- Claudio Zelaya mit Küchenchefin Patricia Sanchez und Auszubildende
Denn Feste zu feiern und ein Lokal zu führen – das gehört für Claudio Zelaya zusammen. Den ersten Schritt in die neue Richtung ging Zelaya 1986, als er durch Zufall Harry Owens begegnete, einem "großen Träumer", wie er ihn nennt. Der Begründer des Frankfurter Museumsuferfests eröffnete ihm den Weg, auf dem damals just entstandenen Fest in Frankfurt am Main präsent zu sein. "Unsere zwei kleinen Zelte waren der einzige Stand von Lateinamerikanern", sagt er, "und die paar Hände, die wir hatten, reichten längst nicht aus, alle zu bedienen."
Dies war die Geburtsstunde des "Latino-Treff", einem Ort mit Veranstaltungen rund um ein einziges, wenn auch unbegrenztes Thema: Lateinamerika. Seine Kultur, seine Musik, seine Kulinaria. Catering ist ein fester Bestandteil des Latino-Treffs. Und einer, der nach dem Willen des Guantanamera-Chefs wachsen soll. Zu seinen Catering-Kunden zählt Zelaya stolz die Deutsche Bank, lateinamerikanische Konsulate, die Sparkasse, aber auch unter anderen die Darmstädter Firmen Merck und Wella.
Schilf-Boote für den Oberbürgermeister
Sein erster Auftrag als Initiator des Latino-Treffs, den er damals noch mit zwei Kollegen gemeinsam leitete, führt ihn nach Böblingen. Für die Landesgartenschau 1996 organisiert er eine Inka-Gold-Ausstellung aus Peru – "ein großes Erlebnis", erzählt er, und seine Augen leuchten dabei so verschmitzt, als hätte er damals einen besonders feinen Coup gelandet. Auftrag Nummer Zwei ist noch größer und liegt direkt vor der Haustür. Als Frankfurt seine 1200 Jahre Stadtgeschichte feiert, lässt Zelaya für eine Boots-Tour des Frankfurter Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler eine Tonne Schilf aus dem Titikakasee heranholen. Daraus werden anschließend zwei typische Boote gebaut, wie sie die peruanischen Bewohner des Sees benutzen.
1998 findet er das Kellerlokal in Darmstadt. Bald wird daraus ein Szene-Treff – auch für deutsche Kunden, die vom Salsa-Fieber angesteckt sind und die warme und familiäre Atmosphäre schätzen. "Hier können die Menschen sein, wie sie sind", findet Patricia Sanchez, die für die Küche im Restaurant zuständig ist – und für viele andere Dinge auch. Geht es darum, den Beamer für die Filmvorführung einzurichten, die Speisekarten zu kontrollieren, die Aushilfen zu koordinieren – sie ist die Frau für alles und mütterliche Seele des Betriebs. "Im Unterschied zu großen Firmen, wo die Azubis eher eine Nummer sind, haben sie bei uns einen Namen. Sie gehören dazu – wie ein Teil des Körpers." Diese Sicherheit, dazuzugehören, macht für Sanchez den Erfolg von Ausbildung aus.
Vier feste, drei freie Mitarbeiter hat der Latino-Treff im Moment, und 2009 sollen zwei weitere Azubis dazu kommen. Denn Auszubildende sind kostbar, weil sie "dem Ruf deines Hauses gut tun. Sobald die Kunden erfahren, dass wir hier ausbilden, sind sie dem Lokal besonders wohlgesonnen", hat Patricia Sanchez beobachtet.
Einmal pro Woche reden alle Spanisch
Seit 2003 bildet Zelaya aus – vor allem Köche, aber auch Restaurantfachkräfte. "Azubis müssen bei uns alles machen. Und sie machen es gerne." Wenn jemand in der Küche fehlt, weil noch Gemüse geschnippelt werden muss, muss man eben dort kurz einspringen. Wird jemand vorne an der Theke gebraucht oder beim Putzen, dann kommt auch das vor. Abwechslung bringt die Ausbildung in jedem Falle mit sich, das zeigt schon der Blick auf das Wochenprogramm im "Guantanamera". Jeden Dienstag Salsa, jeden Mittwoch Spare Ribs, jeden Donnerstag spricht das gesamte Restaurant nur Spanisch – Wörterbücher liegen für die Besucher parat, die sich noch nicht sicher genug sind, ob sie mit "patatas fritas" auch wirklich Kartoffeln oder doch eher Bananen bestellt haben.
Auszubilden, das ist für Zelaya auch eine Art Dankesschuld, die er abtragen möchte. Dank für die Menschen, die ihm den Weg in die neue, unbekannte Gesellschaft geebnet haben, in die er 1974 als knapp 18-jähriger kam. Fast ohne Geld, ohne Kenntnis der Sprache und ohne Familie, verschlug ihn das Schicksal nach Frankfurt. Er kam und blieb. Dass er sogleich Arbeit fand, verdankte er einem Portugiesen, der ihn mit zu seiner Arbeitsstelle nahm; dass er von Beginn an lernen konnte, seinem deutschen Chef, der ihn anspornte und anstatt ihn zu entlohnen, ihm zum Auftakt erst einmal einen Sprachkurs bezahlte.
"Vor dem Finanzamt sind alle gleich"
Dass Zelaya nun nicht nur deutsche, sondern auch Kinder der ersten Migrantengeneration aus Lateinamerika ausbildet, ist für ihn eine schöne Pflicht: "Sie leben hier, sie entwickeln sich hier, und sie sollen die Früchte der Integration genießen." Zelaya ist dieses Weitergeben ein Bedürfnis – schon deshalb, weil er viel weiterzugeben hat "Jeder Mensch", sagt der Restaurant-Chef und meint damit wohl auch sich selbst, "bringt in das Geschäft, das er aufbaut, seine ureigene Geschichte ein, die er in diesem Land erlebt hat."
"Internationale Unternehmen", meint Zelaya, "sind auf eine gewisse Weise auch Vorbild für eine gelungene Integration. Allein die Tatsache, dass es uns gibt, zeigt, dass wir uns durch deutsche Gesetze und Vorschriften gewühlt haben und sie verstanden und akzeptiert haben. Dass wir wissen, wie wir etwas aufziehen müssen, um uns hier eine Existenzgrundlage zu schaffen, beweist, dass wir zu einem guten Teil wissen, wie diese Gesellschaft funktioniert." Und vor einer Institution werden schließlich alle gleich, meint der Chef des Guantanamera: "Dem Finanzamt."
Am deutschen Ausbildungswesen vermisst Zelaya eine Herzlichkeit, die sich nicht in großen, sondern eher in feinen Gesten äußert. In Peru zum Beispiel, sagt er, "bekommt ein junger Mensch am Ende seiner Ausbildung vom Staat ein Werkzeug, das zu dem Handwerk passt, das er gelernt hat." Keine schlechte Idee für Deutschland. Oder?






