Step by Step

Jawed Nazari und seine Filiale der Back-Factory in Bockenheim

Es ist nicht der beste Standort, den man sich denken könnte für ein Ladengeschäft, in dem die Kunden sich selbst ihre Brötchen eintüten können. Nur ein paar Schritte weiter auf derselben Straßenseite hat sich ein Konkurrent niedergelassen, schräg gegenüber ist eine kleine Bäckerei, daneben ein kleines Café – kurz: Die Gegend ist hier, in Frankfurts lebendiger Leipziger Straße in Bockenheim, alles andere als eine Servicewüste.

Dennoch scheut Jawed Nazari mit seiner Filiale der Back-Factory die große Konkurrenz nicht. Eher das Gegenteil: Man könnte annehmen, sie stachle seinen Ehrgeiz nur noch ein bisschen mehr an. Denn ehrgeizig ist der junge Mann, ohne Zweifel. Seine Filiale gehört zu den erfolgreichsten der bundesweit insgesamt 103 Franchise-Unternehmen, was das Eindämmen der Kosten angeht. Mit 25 Jahren ist der Vater eines kleinen Sohnes zudem der jüngste „Systempartner“ der Back-Factory-Kette. Seit November 2007 bildet er auch aus. Eine junge Auszubildende lernt bei ihm den Beruf der Einzelhandelskauffrau. Ausbilder Jawed Nazari und Auszubildende

Sauberkeit und Kundenorientierung

Wer bei Nazari arbeitet, muss wissen, dass der Chef, auch wenn er jung sein mag, sehr klare Vorstellungen davon hat, wie sein Betrieb zu laufen hat. „Ich will, dass mein Laden genau so aussieht und läuft, wie ich es mir vorstelle. Egal, ob ich da bin oder nicht. Ich muss zu jedem Zeitpunkt des Tages in die Filiale kommen können und es so vorfinden, wie ich es mit den Mitarbeitern verabredet habe.“ Und das heißt dreierlei: Es muss sauber sein, auch dort, wo man es nicht sieht. Es muss schnell gehen bei den Wünschen der Kunden, und seine Leute müssen fähig sein zur Selbstorganisation, also selbständig und verantwortlich handeln können.

Dazu hat er sich eine Filialcheckliste erarbeitet und sie seinem Team von sechs Leuten zur Kenntnis und Unterschrift vorgelegt. Seither weiß jeder, was die Standards sind, die Nazari erfüllt sehen will: Wann und wie die Kaffeetassen aufgefüllt sein müssen, wo und wie die Backwaren ausliegen sollen, und was die Spätschicht zu leisten hat in Vorbereitung der Frühschicht, die eh schon alle Hände voll zu tun hat, ehe um sieben Uhr der Laden öffnet.

Zwei Etagen voller Leckereien

Auf 120 Quadratmetern und zwei Etagen bietet die Back-Factory in Bockenheim Backwaren an, die sich der Kunde selbst aussucht, eintütet und gegebenenfalls mithilfe einer Maschine selbst in Scheiben schneidet. Fußballbrötchen aus Weizenmehl oder Laugen, Croissants, süße Teilchen mit Schokoladenguss, dazu alle möglichen Sorten Grau- und Vollkornbrot, außerdem Getränke, Säfte, Wasser. Morgens um fünf Uhr beginnt Nazaris Tagewerk und endet abends um halb neun - ein langer Tag.

Dass die Filiale in Bockenheim noch nicht seine letzte ist, ahnt man. So hat Nazari in der Back-Factory-Szene schon Furore gemacht, weil sein Stil – eine rote Krawatte und rote Schürze über weißem Hemd – die Geschäftleitung überzeugt hat. Nun wird es überall eine einheitliche Back-Factory-Kleidung geben, die eine für die Teil- und Vollzeitkräfte, eine andere für die Filialleitung.

Auch beim Wareneinsatz liegt seine Filiale – gegenüber dem bundesweiten Durchschnitt der Kollegen in den Back-Factory-Läden von 52 bis 53 Prozent – bei erstaunlichen 37 Prozent. „Meine Steuerberaterin ist stolz auf mich“, sagt er. Er selbst freut sich darüber, wie auch über die Tatsache, dass ihm noch nie Geld in der Kasse fehlte – bis auf einmal, als ein Kunde 50 Euro wechseln wollte, den Schein aber selbst behielt und zwei Tage später damit wieder auftauchte.

Anders als in anderen Back-Factory-Filialen dürfen seine Mitarbeiter am Abend auch die Restware mitnehmen, den sogenannten „Abfall“. Und wenn er mit seinen Mitarbeitern Teamgespräche führt, dann bringt er Essen von Zuhause mit, das seine Frau zubereitet hat. Oder er holt „was Indisches“ von den kleinen Restaurants nebenan und lädt das Team zum gemeinsamen Essen, bei dem dann auch der geschäftliche Teil besprochen wird. Den Rat seines Vaters: „Iss nie alleine, wenn dir jemand gegenüber sitzt“ befolgt er auch außerhalb der Familie.

Schritt für Schritt statt große Sprünge

Den Erfolg hat sich Jawed Nazari hart erarbeitet. Mit 14 kam der gebürtige Afghane mit seiner Familie aus Indien nach Deutschland, sein Vater war Diplomat, seine Mutter Richterin. Nach der Realschule erlernte er in einer englischsprachigen Kanzlei in Frankfurt den Beruf des Fachinformatikers und jobbte „nebenbei“ in seiner zweiten Schicht bei Kentucky Fried Chicken (KFC). Gemeinsam mit seinem Bruder, der Unternehmensberater für die Gastronomie ist, plante er den Schritt in die Selbständigkeit. Auslöser war das Angebot, selbst eine Filiale von KFC zu übernehmen. Davon nahm er Abstand, nicht zuletzt mit Blick auf die Investitionen und die Schulden, die er hätte machen müssen. Für den klug rechnenden Nazari war das eine Nummer zu groß. Fortan aber suchte er nach einer Gelegenheit, sich selbständig zu machen – und fand sie schließlich in der Leipziger Straße.

Sein Ziel ist nun, da der Laden brummt, innerhalb der nächsten fünf Jahre eine zweite Filiale aufzumachen. Und die soll dann, wenn alles nach Plan geht, seine jetzige Auszubildende für ihn leiten. Große Sprünge sind seine Sache nicht, eher schon die Devise, die ihm sein Vater oftmals geraten hat: Sie lautet: „Step by Step“. Schritt für Schritt. Bis jetzt ist Nazari mit dem Motto seines Vaters nicht schlecht gefahren.

Juli 2008

Backfactory

Jawed Nazari

Leipziger Straße 59

Telefon: 0 69 / 97 69 76 78

jawednazari@yahoo.de