Einen Beruf braucht der Mensch Weil ihn das deutsche Berufsbildungssystem so beeindruckt, bildet Seiji Kojima in seinem japanischen Reisebüro Econa Tours GmbH eine Reiseverkehrskauffrau aus
Schon vor vielen Jahren, als Seiji Kojima noch japanische Delegationen durch Deutschland führte, fand er das deutsche Berufsbildungssystem sehr interessant. Bei Besuchen mit Reisegruppen in Schulen und Ausbildungsbetrieben stellte er fest, dass ihm die Mischung zwischen Theorie und Praxis, zwischen Schule und Lernen im Betrieb, hier sehr gut gefällt.
"In Japan ist das System ganz anders", erzählt Kojima. "Schule und Arbeit sind völlig getrennte Welten. Man geht auf eine Schule oder Universität und lernt dort aus Büchern. Einen richtigen Betrieb sehen die Studenten während der ganzen Zeit höchstens einmal von innen – einen halben Tag, während eines Informationsbesuchs." Nach Abschluss der schulischen oder universitären Ausbildung haben die jungen Leute somit keinerlei praktische Arbeitserfahrung. In der Firma, in die sie dann eintreten, fangen sie ganz von vorne an: "Wirklich mitarbeiten können die noch lange nicht", so Kojima.
Die Denkweise sei auch sehr unterschiedlich, erläutert er. "Die Leute achten sehr darauf, dass die Firma, für die sie arbeiten, einen bekannten Namen hat. " Sie wissen, dass große Unternehmen viel für ihre Angestellten tun, sich um alles kümmern, Weiterbildungen bezahlen oder sie sogar auf Elite-Universitäten im Ausland schicken. Doch im Gegenzug erwartet die Firma dann auch eine ernsthafte Verpflichtung des Mitarbeiters. Nach ein paar Jahren kündigen, weil man andere Pläne hat, das ist in Japan nicht üblich. Beide Partner gehen davon aus, dass man sich langfristig aneinander bindet.
Jobben und tun, was man will – keine Zukunftsperspektive
Kojima selbst hat sich diesem System schon als junger Mann entzogen. "Das konnte ich mir nicht vorstellen, gleich nach der Universität in eine Firma und mich dann lebenslang verpflichten"- ein bisschen schüttelt es ihn noch heute bei dem Gedanken. So lehnte er alle Angebote ab und begab sich auf ausgedehnte Reisen – zum Beispiel durch Europa. Die Berge hatten es ihm vor allen Dingen angetan: "Ich war monatelang zum Skifahren in der Schweiz, das hat mir sehr viel Spass gemacht", erzählt er und strahlt bei der Erinnerung. Vier Jahre brachte Seiji Kojima so zu, reiste durch die Welt, jobbte, um Geld zu verdienen und tat, was er wollte.

- Ausbilder Seiji Kojima und Auszubildende Orkide Gurit
Wegen seiner guten Deutschkenntnisse landete er schließlich bei einer deutschen Firma, die ihn auch gleich wieder nach Deutschland schickte. 1993 machte sich Kojima dann selbstständig und gründete seine eigene Firma, die Econa Tours GmbH, ein kleines, aber feines Reisebüro, das sich sich auf Japanreisen spezialisiert hat. "Incoming und Outgoing", erklärt er, was bedeutet, dass er nicht nur individuelle Reiseangebote bereit hält für Menschen, die nach Japan reisen wollen, sondern auch japanische Reisegruppen in Deutschland betreut und hier alles für sie organisiert.
Das Ausbilden hatte er immer im Hinterkopf, dachte jedoch, dass er selbst nicht die Berechtigung dazu hätte. Meister müsse man sein und eine Prüfung gehöre auch dazu, hatte er immer gehört. Aber monatelang einen Kurs besuchen, das konnte sich der Selfmade-Man nie leisten. Dafür hatte er zu viel Arbeit damit, die Geschäfte am Laufen zu halten und sich mit seinem kleinen unabhängigen Reisebüro am Markt zu behaupten.
Doch nachdem die Wirtschaftsförderung der Stadt Frankfurt ihn mit IHK-Sonderberater Kurt Schomburg vom Projekt IUBA zusammen gebracht hatte, änderte sich das schlagartig. Kojima erfuhr, dass er aufgrund seiner langen Berufserfahrung als Touristiker sehr wohl als Ausbilder anerkannt wird, auch ohne vorher die sogenannte "Ausbildung der Ausbilder" formal zu durchlaufen.
Econa Tours: Klein, aber fein

- Individuelle Routen zusammenstellen - das ist bei Econa Tours üblich
Orkide findet es schade, dass sie ihr gutes Türkisch derzeit beruflich nicht einsetzen kann. An ihrem Englisch, ohne das sowohl bei Econa Tours als auch in der Tourismusbranche generell gar nichts geht, muss sie noch ein bisschen arbeiten. Dass sie Japanisch lernt, verlangt der Chef jedoch nicht von ihr. "Ich habe viele deutsche Kunden, und es sind eine Menge Geschäftsvorgänge hier in Deutschland abzuwickeln", erläutert Kojima. In diesem Bereich will er Orkide einsetzen – zumal er selbst beim Schreiben in Deutsch noch immer nicht hundertprozentig sicher ist.
Spannend findet Orkide die Arbeit bei Econa Tours allemal. "Die Situation für kleine, unabhängige Büros wie uns ist in den letzten Jahren immer schwieriger geworden", erzählt Kojima. Last-Minute-Angebote und Internet-Reisebörsen machen Anbietern wir ihm das Leben schwer. Econa Tours konnte nur deswegen so lange überleben, weil es dem findigen Herrn Kojima immer wieder gelang, originelle und individuelle Angebote zu entwickeln und Zielgeruppen zu bedienen, deren Bedürfnisse vom Massentourismus nicht erfüllt werden.
Lange Jahre lebte er zum Beispiel davon, für in Deutschland lebende Japaner Kurztrips in beliebte europäische Hauptstädte zu organisieren. "Japaner nehmen sich nie viel Zeit für das Reisen und planen sehr kurzfristig", berichtet er. "Die stellen Mitte der Woche fest, ach, am Wochenende haben wir ja keine Verpflichtungen, dann fahren wir doch mal schnell weg." Dann geht es für zwei Nächte nach St. Petersburg oder nach Lissabon. Auch Wochenendtrips nach Skandinavien oder Ägypten sind für Japaner nichts Besonderes. "Auf solche Anfragen war früher kein Großveranstalter eingestellt" – eine Lücke, die Kojima mit eigenen Angeboten ausfüllte.
Doch mit dem Aufkommen von Internet-Reisebörsen lohnte sich dieses Geschäft für ihn nicht mehr. Kojima musste sich umstellen. Heute bietet er ausgefallene Japan-Reisen abseits von ausgetretenen Pfaden an. Kulinarische Reisen, Reisen zu den religiösen Zentren und individuelle Routen, bei denen er die Kunden per SMS und e-mail noch während der Reise betreut und mit Informationen versorgt.
Mehr als Pauschalreisen verkaufen
"In dem türkischen Reisebüro haben wir immer nur Pauschalreisen verkauft", erzählt Orkide. Dass sie bei Seiji Kojima viel mehr lernen kann, findet sie wunderbar.
Econa Tours ist IATA-Mitgied, was bedeutet, dass dort Flüge gebucht und Flugtickets ausgestellt werden können. Orkide lernt alle wichtigen Reservierungssysteme kennen und bekommt mit, wie eine Reise von Grund auf zusammengestellt wird, Flug, Hotels, Inlandsverbindungen, Extras wie z.B. kulturelle Events, die während der Reise besucht werden sollen und so weiter.
Etwas ganz Spezielles bei Econa Tours ist auch das "Inbound"-Geschäft. Kojima hat sich einen Namen gemacht als Organisator der Deutschlandaufenthalte von japanischen Künstlergruppen. Für die Tanztruppe "Kikunokai", die im Herbst 2005 Deutschland bereiste und traditionelle japanische Tänze vorführte, hat er hier "wirklich alles organisiert, nicht nur Flug und Hotel, sondern sogar das Theater, in dem sie aufgetreten sind, die Plakatwerbung und die Flyer und Broschüren, mit denen sie für ihren Auftritt werben konnten."

- Chef und Azubine arbeiten eng zusammen
Warum sich Kojima gerade für die junge Deutsch-Türkin entschieden hat? "Man merkt ihr an, dass sie Lust hat, zu lernen", sagt er. "Das ist das Wichtigste. Natürlich muss ich mir alles nochmal anschauen, was sie gemacht hat. Aber das ist in Ordnung. Am Anfang darf man auch Fehler machen – daraus lernt man, und dafür ist sie ja hier."
Oktober 2007






