Begrüßung der Jugendlichen durch Dr. Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin der IHK Frankfurt am Main
Gefragte Leute: Jugendliche mit Migrationshintergrund Unter dem Motto „Gefragte Leute“ organisierten die IHK Frankfurt am Main und die INBAS GmbH im Rahmen der Frankfurter Interkulturellen Wochen einen Informationstag für Schülerinnen und Schüler aus Abgangsklassen der Frankfurter Haupt- und Realschulen. Die Jugendlichen hatten Gelegenheit, sowohl mit Unternehmer/inne/n und Ausbilder/inne/n als auch mit Expert/inn/en zu sprechen. Sie konnten sich informieren, wie sie ihren Migrationshintergrund bei der Ausbildungsplatzsuche für sich nutzen können. Denn oft haben sie spezielle Fähigkeiten wie fremdsprachliche und interkulturelle Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt sind.
Vier Jugendliche warten auf ihr Vorstellungsgespräch in einem Groß- und Außenhandelsbetrieb. „Ich krieg’ den Ausbildungsplatz“, ist sich Jennifer sicher, „mein Vater kennt den Chef hier. Ich hab’ bei der Familie sogar schon als Babysitter gearbeitet.“ „Freu dich nicht zu früh“, denkt sich Jessica, „ich war Jahrgangsbeste, und dann noch die Zusatzkurse, die ich in den Ferien gemacht habe, dagegen musst du erstmal ankommen.“ Aber auch Dennis kennt seine Vorzüge: „Babysitten, ja und? Ich hab’ hier in der Firma letztes Jahr Schülerpraktikum gemacht“, hält er Jennifer entgegen. „Damals hat der Chef zu mir gesagt, wenn du später einen Ausbildungsplatz suchst, dann komm’ ruhig vorbei. Solche wie dich können wir immer brauchen.“
Ayse, die vierte im Bunde, wird immer stiller. Hat sie in dieser Runde eigentlich eine Chance? Sie hat weder Beziehungen noch ein herausragendes Zeugnis. Sie wurde im Iran geboren und kam erst kurz vor der Einschulung nach Deutschland. Seit ihrem ersten Schultag begleitet sie das Gefühl, immer ein bisschen weniger zu können und zu verstehen als die anderen. „Eigentlich“, denkt sich Ayse, „könnte ich genauso gut direkt nachhause gehen.“
Nicht nur Probleme, auch Vorteile im Wettbewerb
An dieser Stelle bricht das People’s Theater die Vorstellung ab. Jetzt sind die über 100 Schüler gefragt, die den Info-Tag besuchen, gemeinsam zu überlegen: Ist es angemessen, dass Ayse sich so unterlegen fühlt? Was für Qualitäten hat sie eigentlich in die Waagschale zu werfen? Doch die Jugendlichen, selbst alle mit Migrationshintergrund, sind fast genauso ratlos wie Ayse. Nach längerem Überlegen fällt ihnen aber doch noch etwas ein: Vielleicht kann Ayse ja persisch? Und die orientalische Gastfreundlichkeit, ist das nicht eine gute Voraussetzung, um mit Kunden umzugehen? Und überhaupt, die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die Ayse, genau wie sie selbst, seit frühester Jugend an den Tag legen musste, um sich in zwei Kulturen bewegen zu können - zählt das nicht auch?
Kein Wunder, dass die Jugendlichen eine Weile überlegen müssen: Auch in der öffentlichen Diskussion stehen derzeit die Probleme von Migrantinnen und Migranten auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt im Vordergrund. Über ihre Potenziale wird weniger gesprochen.
Interkulturelle Kompetenzen junger Fachkräfte
Die Schwierigkeiten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt sind bekannt: Die Ausbildungsbeteiligung von jungen Erwachsenen mit ausländischem Pass hat sich seit den neunziger Jahren kontinuierlich verschlechtert, laut Berufsbildungsbericht 2006 liegt sie - bezogen auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung – nur bei etwa 25 Prozent. Der Anteil von Jugendlichen mit deutschem Pass, die eine Ausbildung aufgenommen haben, ist dagegen mehr als doppelt so hoch. Zu diesen Zahlen und den damit verbundenen bildungspolitischen Fragen gibt es eine breite fachliche und öffentliche Diskussion. Die Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund stehen dagegen weniger im Blickpunkt. Ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung ermittelte 2005 die interkulturellen Kompetenzen (Sprachkompetenz und kulturspezifisches Wissen) junger Fachkräften mit Migrationshintergrund und analysierte die Faktoren, die den Einsatz und die Pflege dieser Kompetenzen fördern oder hemmen.
Ergebnis: Positives ethnisches Selbstbewusstsein und Interesse an Sprache und Kommunikation fördern den Einsatz interkultureller Kompetenzen im Beruf. Gut aufgehoben sind Arbeitskräfte, die mehrere Sprachen sprechen und ihr Wissen über verschiedenen Kulturen beruflich nutzen wollen, in Betrieben mit internationaler Kundenstruktur, die diese Fähigkeiten entsprechend wahrnehmen, einsetzen und fördern.
Bereits heute besteht in bestimmten Berufen eine Fachkräftemangel. Angesichts der demografischen Entwicklung stellt sich die Frage, wie junge Migrantinnen und Migranten bereits bei der Berufswahl und der Suche nach einem Ausbildungsplatz ihre interkulturellen Kompetenzen pflegen, ausbauen und für sich einsetzen können.
Infos aus erster Hand
Bei dem Informationstag konnten sich Jugendlichen an verschiedenen Stationen aus erster Hand informieren. Die Frankfurter Unternehmer/innen Melek Celik, Celik Brautmoden, Angela Muller, Restaurant Avocado, Orlando Piroddi, Osteria Isola Sarda und Aris Zantiotis, Insidian Touristik GmbH, berichteten aus dem Ausbildungsalltag und erzählten, wie sie mit dem Thema umgehen. Alle diese Unternehmerinnen und Unternehmer haben selbst einen Migrationshintergrund und haben im Rahmen des hessischen Projektes „IUBA - Internationale Unternehmen bilden aus“ mit Unterstützung der IHKs und der INBAS GmbH Ausbildungsplätze eingerichtet.
Unterstützt wurden sie von Expert/innen von der Agentur Schlotte und Partner und von KUBI e.V., Verein für Kultur und Bildung aus Frankfurt, sowie von Claudia Lehmann und Hasan Kara, Sonderberater/innen der IHKs Frankfurt am Main und Offenbach.
Dr. Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung der IHK Frankfurt am Main, begrüßte und führte ins Thema ein, Constanze Brucker von der INBAS GmbH führte als Moderatorin durch den Vormittag.






